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Wir Menschen

Plakette an der Raumsonde Pioneer
1972 wurde diese Botschaft an mögliche Außerirdische an der Raumsonde Pioneer angebracht. Welches Bild vermittelt sie von uns? (Quelle: NASA, Wikimedia commons)

Vermutlich wird es etliche Leser verstören, uns selbst als Krebserkrankung der Erde zu betrachten. Dennoch ist diese Schlussfolgerung im Rahmen der Systemtheorie streng folgerichtig. Im Gegensatz zu einem Tumor im menschlichen Körper können wir jedoch wahrscheinlich davon ausgehen, dass die Erde – als noch höher organisiertes System – wirksame Schutzmechanismen entwickelt hat, um an dieser Erkrankung nicht zu »sterben«. Die Erde wird sich erholen – so oder so – ob mit oder ohne die Menschheit. Wir unterliegen trotz aller technologischer Möglichkeiten nach wie vor dem Diktat des »Großen Ganzen«, dass Fehlentwicklungen gnadenlos bekämpft. Auf dem Spiel steht daher in erster Linie unsere eigene Existenz!

Wenn wir einmal annehmen, dass unsere Diagnose richtig ist, dann stellt sich die Frage: Wie kam es dazu?

Wie alle Erscheinungen im Universum sind auch wir Menschen aus dem fortschreitenden Prozess entstanden, der beim Urknall seinen Anfang nahm. Die Systemwissenschaften offenbaren uns, dass unsere künstlich erschaffene Welt – unsere Kultur – auf denselben Grundbausteinen, Abläufen und Gesetzmäßigkeiten beruht wie die Natur des Großen Ganzen. Auch wir verbinden in Technologie, Wirtschaft und Gesellschaft einzelne Systeme zu immer vielfältiger vernetzten Systemen. So entstanden Computer, so funktioniert die kapitalistische Marktwirtschaft und die Gewaltenteilung in modernen Staaten. In gewisser Weise bewahrheiten sich hier die Worte Moses, der den Menschen als Ebenbild Gottes bezeichnete. Darin liegt vor allem die Idee der Freiheit; des unabhängigen Schaffens.

Doch im Gegensatz zur Urkraft sind wir nicht absolut frei, denn unser Geist ist abhängig von der Funktion aller möglicher Systeme. Es sieht jedoch ganz danach aus, als ob unsere »Erkrankung« insbesondere mit dieser falsch empfundenen Freiheit zu tun hat. Ein Erklärungsversuch:

  • Die Bändigung des Feuers, die Werkzeugnutzung und die immer deutlicheren Überlebenserfolge unserer steinzeitlichen Vorfahren führten zu einem erstarkenden Selbstvertrauen der Menschen.

  • Traditioneller Pferdepflug
    War es die Entwicklung der Landwirtschaft, die die zunehmende Entfremdung von der Natur eingeleitet hat? (Quelle: Fährtenleser, Wikimedia commons)
  • Die Erfindung der Landwirtschaft gab dem Menschen das Gefühl, Macht über die Natur zu besitzen. Sie legte den Grundstein für eine zunehmende Entfremdung von der Natur und eine wahrhafte »Explosion« menschlicher Fähigkeiten und Freiheiten.

  • Neben der biologischen Evolution entstand die kulturelle Evolution. Die Stelle der zufälligen Mutationen nahm der menschliche Ideenreichtum ein. Doch die Auslese erfolgte bald ganz anders als in der Natur: Statt eines jahrhundertelangen Prozesses von Versuch, Irrtum und Verbesserung durch Anpassung – oder aber Auslöschung; traf der Mensch mehr und mehr kurzfristige Entscheidungen, ohne lange Bewährungszeiten abzuwarten. Vor allem technologische Neuerungen wurden nur nach ihren vordergründigen Vorteilen beurteilt. Die zumeist später eintretenden oder nur indirekt erkennbaren Nachteile fielen damit unter den Tisch. Der Philosoph Karl Popper hat dieses Phänomen wie folgt ausgedrückt: »Jede Lösung eines Problems schafft neue, ungelöste Probleme«. Und während in der Natur Irrtümer wieder von der Erdoberfläche verschwinden, summierten sich die unausgereiften Erfindungen des Menschen immer mehr.

  • Es entstand ein Teufelskreis, der auf der einen Seite zu einer immer zahlreicheren, vielfältigeren und intelligenteren Menschheit führte; die auf der anderen Seite jedoch eine immer größere Belastung der natürlichen Lebensgrundlagen bedingte.

  • Gleichsam wuchs die Kompliziertheit des menschlichen Lebens; eine eigene Menschenwelt entstand – durchaus auf den selben Gesetzmäßigkeiten beruhend wie die Natur, aber demgegenüber in vielfacher Hinsicht unvollkommen und störanfällig. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang.

  • Atomexplosion
    Atomarer Allmachtswahn: Die Urkraft verwirklicht sich auch in der Kraft des menschlichen Geistes, der wiederum ihre zerstörerische Seite entfesseln kann (Quelle: Regierung der USA, Wikimedia commons)
  • Heute haben wir unser ursprüngliches Weltgespür nahezu gänzlich verloren! Wir sind auf die persönliche Selbstverwirklichung und die Erfüllung unserer Aufgaben in einer vollkommen unnatürlichen Produktions- und Konsumwelt fixiert; wir glauben fast schon bedingungslos an den technologischen Fortschritt, an Marktwirtschaft und nützliche Wissenschaften; und noch mehr an unsere hemmungslose Freiheit.

  • Wir haben uns so sehr an diese »Normalität« gewöhnt, dass wir nicht erkennen, dass unser Wirken in erster Linie eine »ultra-hocheffiziente Vernichtungsmaschinerie« darstellt.

  • Diese Entwicklung ist in höchstem Grade instabil, weil sie die Gesetzmäßigkeiten des Großen Ganzen missachtet – weil sie auf einer Freiheit beruht, die wir nicht haben.

Im Gegensatz zu unseren jagenden und sammelnden Vorfahren beeinflussen wir heutigen Menschen die Erde als Ganzes – tagtäglich! Wir konsumieren Unterhaltungselektronik aus Fernost und Kaffee aus Südamerika. Durch unser politisches und wirtschaftliches Verhalten fördern wir die Ausbeutung und Vernichtung gigantischer Gebiete in fernen Ländern. »Business as usual« führt zu Wachstum, Wachstum zu Arbeit, Arbeit zu Wohlstand und Wohlstand zu Glück. So etwa lautet unser zentraler Glaubenssatz, der allabendlich in den Nachrichten mit Leben gefüllt wird. Vordergründig und mittelfristig betrachtet mag diese Wirkungskette stimmen. Doch im Grunde wissen die meisten aufgeklärten Menschen, dass dieses Handeln irgendwie mit den bedrohlichen Entwicklungen zusammenhängt, die überall auf der Erde stattfinden.

Wir alle sind diesen Gefahren ausgesetzt. Mag der Einzelne auch noch so umweltbewusst, menschenfreundlich und friedlich leben – als Menschheit haben wir diesen Zustand gemeinsam zu verantworten!

Spiel »Netz der Natur«, Sielmanns Natur-Ranger Wuppertal
Nur gemeinsam können wir die Welt in der Balance halten! (Quelle: © Frank Baldus)

Statt uns als Teil der ganzen Menschheit – ja der ganzen Welt – wahrzunehmen und gemeinsam in diesem Sinne zu handeln, überlassen wir die Entscheidungen unvollkommenen Politikern und lassen uns von den faszinierenden Möglichkeiten der Hochtechnologie und des Massenkonsums tagtäglich verführen und berauschen. Während bei den Jägern noch jeder wusste, was er tat und welche Folgen sein Handeln hatte, sind wir eher wie Kinder, die sich nur in ihrer beschränkten Welt gut auskennen.

Wenn wir ganzheitlich denken lernen, sollten wir erkennen, dass die phantastisch klingenden Aussichten auf das digitale Zeitalter ganz sicher Science-fiction bleiben werden, wenn wir weiterhin unsere »Mutter Erde« zerstückeln, ausbeuten und vernichten. … Um nochmals an die Mahnung der über 15.000 Wissenschaftler aus der Einleitung zu erinnern: Bis auf den Schutz der Ozonschicht gibt es keinerlei hoffnungsvolle Umkehr bei allen wichtigen ökologischen Trends!

Trotz allem haben wir – zumindest theoretisch – eine Chance auf eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft!

Wir müssten uns »nur« entscheiden, gemeinsam eine bessere Welt aufzubauen und erkennen, dass wir trotz aller Unterschiede Teil eines Ganzen sind. Wir müssten unser »Großes WIR« entdecken, um gemeinsam unsere globalen Probleme überwinden zu können.

Wir nennen uns Homo sapiens, »weiser Mensch«. Es wird Zeit, diesen Namen endlich zu verdienen!


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