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Das »Wissen« der Religionen – von innen und außen

Dürer: Betende Hände
Haben die Religionen im Sinne der modernen Erkenntnisgewinnung ausgedient? (Quelle: Albrecht Dürers »Betende Hände«, Wikimedia commons)

Gibt es letzten Endes doch einen großen göttlichen Plan, der das Entstehen der Welt aus dem Chaos erklärt? Sind wir Menschen möglicherweise eines dieser Ziele?

Die Anhänger etlicher Religionen würden diese Fragen sicherlich mit Ja beantworten. Gegenüber den Wissenschaften haben die Religionen jedoch zwei entscheidende Nachteile für die Wahrheitsfindung: Einerseits stützen sich die Vertreter der Religionen in erster Linie auf die Überlieferungen und die Auslegung der heiligen Schriften für das tägliche Leben. Die Erkenntnisse der Wissenschaften finden daher nur sehr schwer Eingang in die Religionen. Andererseits wurden die Kernwahrheiten der religiösen Lehren über die Jahrhunderte umgedeutet, verändert, bis auf Unkenntlichkeit ausgeschmückt und umformuliert. Nicht selten geschah dies im Sinne bestimmter, politisch-weltlicher Interessen. Sie sind also alles andere als zuverlässige Quellen. Selbst, wenn die heiligen Schriften von Gott diktiert worden wären, so wurden sie danach von Menschen überliefert. Im besten Fall verloren die Worte ihre ursprüngliche Bedeutung, weil sie aus vergangenen Zeiten stammen, die kaum noch etwas mit dem modernen Leben zu tun haben.

Dennoch finden sich in allen Religionen »Kernwahrheiten«, die im Vergleich mit unseren bisherigen Folgerungen erstaunliche Übereinstimmungen ans Tageslicht bringen. Dazu je ein Beispiel aus einer abrahamitischen Gottesreligion und einer fernöstlichen Weltgesetz-Religion:

Grundlage des Christentums ist die sogenannte Dreifaltigkeitslehre. Das bedeutet, dass Gott eine einzige, unabhängige Wesenheit ist, die jedoch in der menschlichen Anschauung dreigeteilt erscheint: Als Vater, Sohn und heiliger Geist. Die Ähnlichkeiten zu unseren Folgerungen sind frappierend: Dem Vater – dem allmächtigen Schöpfer, von dem man sich kein Bild machen soll – entsprechen die absoluten und unvorhersehbaren Fähigkeiten der Urkraft. Aus ihm heraus strömt der heilige Geist – die Macht Gottes. Dies entspricht dem grundlegenden Kraftfeld und den Naturgesetzen, die zwischen der Urkraft und der Materie vermitteln, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Schlussendlich Jesus, der Sohn – die Verkörperung Gottes als Mensch mit all seinen Begrenzungen – als Vorbild für die Welt des Existenten.

Ebenso beeindruckend ist die Schöpfungsgeschichte des chinesischen Daoismus. Das Dào entspricht hier dem antiken Urgrund (beziehungsweise dem Higgsfeld) – es steht für die höchste Wirklichkeit und Wahrheit, das allumfassende, nicht rational ergründbare Weltgesetz, das alles Sein durchdringt, erzeugt und erhält. Aus dem Dào entstand die Einheit der beiden Gegenspieler Yin und Yang, deren Beschreibung klar an die Quantenwelt der Physik erinnert: Wir sehen hier aktive Energie und passive Masse, die bei näherer Betrachtung nur zwei ständig wechselnde, unterschiedliche Zustände ein und derselben Sache sind. Aus diesem zweiseitigen Prinzip gingen schließlich nach daoistischer Lehre die »zehntausend Dinge« hervor, die konkreten Objekte des Universums.

Sharp: Prayer to the spirit of buffalo
Bist du religiös? In naturverbundenen Kulturen wurde fast nie zwischen Alltag und Religion unterschieden, denn jede Tat hat irgendeine Auswirkung auf das »Große Geheimnis«, weil alles miteinander verbunden ist (Quelle: Joseph Henry Sharp »Prayer to the spirit of the buffalo«, Wikimedia commons)

In sehr vielen Religionen finden sich mehr oder weniger solcher Parallelen.

Da Religion von vielen Menschen heute skeptisch gesehen wird und ihre Bedeutung für das persönliche Weltbild der Menschen stetig abnimmt, ist eine »Betrachtung von außen« wertvoll:

Sozialwissenschaftler sehen Religion als besonders tiefgreifende, ganzheitliche Weltanschauung, die das menschliche Handeln, Denken und Fühlen prägt, weil sie nicht nur die Welt erklärt, sondern ebenso die Stellung des Menschen im Großen Ganzen beschreibt und begründet. Sie beeinflusst damit ganz wesentlich die Wertvorstellungen der Gläubigen. Sie vermag dem Leben – insbesondere dem Leben als Angehöriger einer menschlichen Gemeinschaft – Sinn zu geben.

Religionspsychologen haben festgestellt, dass ausschließlich die Religiosität in der Lage ist, den menschlichen Egoismus zu kontrollieren. Doch ist Religiosität das gleiche wie Religion?

Religiosität wird gemeinhin als Glaube an überirdische Kräfte verstanden. Doch die Erkenntnisse verschiedener Humanwissenschaften sehen konkrete Glaubensinhalte eher als »Symptom« der Religiosität. Eigentlich ist Religiosität ein Begriff für die Verbindung eines bestimmten geistigen Grundbedürfnisses mit einer universalen, menschlichen Empfindung.

Auch wenn es sehr viele verschiedene Umschreibungen dafür gibt, sind sich die Fachleute einig, dass auch der »Drang nach ganzheitlicher Erkenntnis« zu den universalen menschlichen Grundbedürfnissen gehört. Wir sollten das etwas näher erläutern und von falschen Vorstellungen trennen.

Astronaut mit Spiegelung der Erde
Astronauten berichten immer wieder von einem Gefühl der Ergriffenheit, wenn sie das erste Mal aus dem All auf die Erde blicken (Quelle: © Frank Baldus, Collage aus gemeinfreien Bildern)

Es gibt Menschen, die sind sehr wissbegierig. Entweder verfolgen sie damit einen ganz bestimmten Zweck oder sie suchen Erkenntnis um ihrer selbst willen. Es gibt jedoch auch Menschen, für die das alles nicht gilt. Ganzheitliche Erkenntnis meint denn auch etwas Anderes: Es geht um das Bedürfnis, die Geheimnisse von Leben und Tod irgendwie zu verstehen; die Welt in ihrem Gesamtzusammenhang und die eigene Rolle darin zu begreifen. Descartes´ berühmter Ausspruch »Ich denke, also bin ich« kann in diesem Sinne auch als »Ich bin (nur), weil ich denke« verstanden werden. Wir können gar nicht anders, als über die Welt nachzudenken und einen Sinn für all jenes zu suchen, was wir nicht verstehen, was uns ängstigt und bedroht. Und das ist enorm viel!

Gleichzeitig erfährt mit Sicherheit jeder Mensch irgendwann einmal in seinem Leben eine Empfindung, die vielleicht am besten als »Ergriffenheit« bezeichnet wird: Es überkommt uns vielleicht bei einem bestimmten Musikstück, beim Blick in den Sonnenuntergang oder wo auch immer wir die »Seele baumeln lassen«. Wir empfinden es in den Momenten, in denen wir in einer Sekunde einen Zusammenhang in seiner ganzen Tragweite erkennen oder in denen wir zutiefst mit einem anderen Wesen mitfühlen.

Wird diese universale Empfindung mit dem Bedürfnis nach ganzheitlicher Erkenntnis in Verbindung gebracht – und viele Psychologen halten das für unausweichlich – entsteht das, was wir Religiosität nennen.

Wichtig ist, dass aus einer bewussten Religiosität kein bestimmter Glaube folgen muss. In erster Linie entsteht daraus eine tiefe Ehrfurcht vor der Ordnung und Vielfalt in der Welt.


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