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Der Blick auf das große Geheimnis

Attentat von Sarajevo
Das Attentat von Sarajevo 1914: Ein singuläres Ereignis als Auslöser des 1. Weltkrieges (Quelle: Le Petit Journal 1914, Wikimedia commons)

Bevor wir zu unseren eigenen Schlussfolgerungen gelangen, wollen wir noch einmal auf den Begriff Singularität zurückkommen. In Physik und Astronomie, Biologie und Systemwissenschaften wird er verwendet, um einmaligen, nicht wiederholbaren Zufallsereignissen einen Namen zu geben, die zu sehr weitreichenden, chaotischen Veränderungen vieler beteiligter Systeme führen. … Vorab sei gesagt, dass solche Faktoren vielen Wissenschaftlern ein Dorn im Auge sind, da sie die grundlegende Berechenbarkeit der Dinge durchkreuzen.

In Physik und Astronomie wird der Begriff für folgende – mathematisch berechenbare, aber nicht beobachtbare – Zustände verwendet: Unendliche Raumkrümmung; Raumzeit ohne unterscheidbare Abstände; fehlende Gesetzmäßigkeiten; Situation beim Urknall.

In der Biologie wird Singularität schlicht mit einem unvorhersagbaren Zufallsereignis gleichgesetzt, wie etwa Mutationen in den Zellen oder die Zuordnung ganz bestimmter Farbeindrücke bei bestimmten Wellenlängen des Lichts.

In der Systemtheorie hat man den Vorteil, dass die Abläufe bei verschiedenen Systemen vor unseren Augen stattfinden. Daher ist die Beschreibung hier konkreter:

Eine Singularität liegt vor, wenn ein einmaliges und nicht wiederholbares Zufallsereignis auf ein oder mehrere Systeme einwirkt, sich ohne nachvollziehbaren Grund zunehmend selbst verstärkt und dabei die Stabilität der betroffenen Systeme erheblich gefährdet. Ihre Auswirkungen sind weitgehend unumkehrbar. Es ist die sprichwörtliche »kleine Ursachen mit großer Wirkung«.

Die Folgen solcher Singularitäten können Naturkatastrophen sein, aber auch Krebserkrankungen, Computerabstürze, Finanzkrisen und Kriege. (Es ist allerdings oftmals schwierig, zwischen Systemfehlern – die keine zufällig Ursache haben – und echten Singularitäten zu unterscheiden).

Das bewusste Universum?
Auch die Entstehung des menschlichen Bewusstseins beruht sehr wahrscheinlich auf einem singulären Ereignis. Es hob die Entwicklung des Universums auf eine neue Stufe. Ob es jedoch nachhaltig zu größerer Ordnung führen wird – oder zum Zerfall, wird sich in Zukunft zeigen. (Quelle: © Frank Baldus, Collage aus gemeinfreien Bildern)

Erstaunlicherweise führen singuläre Ereignisse in manchen Fällen nicht zum Zusammenbruch, sondern ganz im Gegenteil zu neuen, vorher nicht existenten Systemeigenschaften, die sich nicht aus den bekannten Systemeigenschaften herleiten lassen. Damit »erklimmen« die beteiligten Systeme eine völlig neue Organisationsebene.

Dieser Vorgang, der im Ganzen auch als Systemevolution bezeichnet wird, füllt den berühmten Satz des Aristoteles: »Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile« mit Inhalt. Ein Beispiel ist die Entstehung der sogenannten »chemischen Bindungen«. Die atomaren Bindungskräfte ließen lediglich die Entstehung von 91 unterschiedlichen Elementen zu (vom Wasserstoff bis zum Plutonium). Erst eine vollkommen neue Bindungskraft ermöglichte die Entstehung von Molekülen – also Stoffen aus der Verbindung verschiedener Elemente. Die typischen Eigenschaften von Wasser beispielsweise treten erst dann auf, wenn Wasserstoff und Sauerstoff sich in der Form von H2O miteinander fest verbinden – obwohl dies keine Eigenschaften der beteiligten Elemente sind.

Das gleiche Prinzip gilt für die Entstehung lebender Wesen und für sogenannte Entwicklungssprünge in der biologischen Evolution wie etwa der Entstehung des Bewusstseins.


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