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Sowohl Ich, als auch Wir

Die Erde im Kopf
Unser Bewusstsein ist eine Art mehrdimensionaler Spiegel, der die Welt in uns abbildet (Quelle: © Frank Baldus, Collage aus gemeinfreien Bildern)

Zum Verständnis der nun folgenden Überlegungen ist es hilfreich, sich vorab mit den folgenden drei Fragen ein wenig zu beschäftigen: »Welche Ursachen haben ›ausgerechnet‹ zur Entstehung meines persönlichen Bewusstseins geführt? Sind es die Gene, die meine Eltern zufällig kombiniert haben? Oder sind es die konkreten Nervenzellen und ihre Bausteine, die es erzeugen?«

Was ist eigentlich unser Bewusstsein, unser Geist, unser Ich? Versuchen wir einmal, diese Frage einfach davon ausgehend zu beantworten, wie wir es selbst tagtäglich erleben:

Wenn wir morgens aufwachen und die Augen öffnen, dringen sogleich verschiedene Informationen auf uns ein: Erinnerungen, Bilder, Geräusche, Gerüche, Geschmack, Balance und vieles mehr spiegeln die Welt um uns herum. Jeder von uns empfindet sich in gewisser Weise als Mittelpunkt der Welt – als Ich, das der Welt gegenübersteht. Als Kind haben wir früh gelernt, dass alle Menschen so empfinden, dass demnach ein einzelnes Ich nicht der Mittelpunkt der Welt sein kann. Und doch bleibt der Eindruck einer unüberwindlichen Trennung zwischen Ich und Welt.

Im Spiegel unseres Bewusstseins erkennen wir die tausend Dinge der Welt, die wir in Begriffen festhalten, bewerten und beeinflussen. Doch der Spiegel kann sich nicht selbst spiegeln! Das macht es so schwer, dieses Phänomen zu begreifen.

Was genau spiegelt unser Geist?

L'Atmosphere - Météorologie Populaire 1888
Die ursächliche Realität der Welt liegt außerhalb unserer Wahrnehmung (Quelle: Holzschnitt aus Camille Flammarion 1888, nachträglich coloriert, Wikimedia commons)

Die »dingliche Wirklichkeit« – die Welt der Wirkungen, der Materie und des Raumes – sind die teilbaren, körperlichen Dinge unserer direkten Beobachtung. Wir benötigen sie, um uns in dieser Welt zu orientieren und darin zu überleben.

Die »ursächliche Wirklichkeit« – die Welt der Ursachen, der Kräfte und der Zeit – ist unkörperlich, fließend, ohne klare Grenzen und nur indirekt zu beobachten. Erst Religion, Philosophie, Wissenschaft und Mathematik machten uns diese Welt zugänglich.

Wenn wir nach den Ursachen der Dinge und Vorgänge suchen, glauben wir aufgrund unserer »weltlichen« Wahrnehmung häufig, es handele sich um etwas Materielles. So sehen wir im Stein die Ursache für die zerborstene Fensterscheibe, die defekte Gasleitung machen wir für die Explosion im Haus verantwortlich und die Sonne für das Wettergeschehen auf der Erde.

Tatsächlich ist die eigentliche Ursache von allem jedoch immer etwas Unkörperliches. Der Stein wurde möglicherweise von einem Menschen geworfen, der seine Wut ausleben wollte oder er fiel vom Hang auf das Glasdach, weil winzigkleine Veränderungen der Hangoberfläche im Laufe der Zeit dazu führten, dass der Stein abrutschte. Die chemischen Bindungskräfte ließen dabei nach und die Schwerkraft wurde zu groß. Die Gasleitung wurde von einem unachtsamen Handwerker gelötet und der Druck darin hat schließlich irgendwann zum Leck geführt. Dann reichte ein kleiner elektrischer Funke beim Drücken eines Lichtschalters – mithin also eine freigesetzte Kraft – um die Explosion auszulösen. Von der Sonne gehen Strahlungen aus – Sonnenwind und Licht –, die Kräfte transportieren, die sich auf der Erde in Wärmeenergie umwandeln, die wiederum das Wetter entstehen lassen.

Küken und Ei
»Huhn oder Ei – Was war zuerst da?« Ursache und Wirkung sind oftmals schwer zu trennen (Quelle: congerdesign, Pixnio)

Wenn wir nur weit genug in der Ursachensuche zurückgehen, stoßen wir zwangsläufig irgendwann auf den Einfluss von unkörperlichen Erscheinungen, die wir dann Kräfte, Naturgesetze oder Zufälle nennen. Wohlgemerkt sind natürlich auch die Fälle, in denen Menschen als Verursacher auftreten, ursächlich nicht körperlich! Entweder sind es irgendwelche bewussten oder unbewussten inneren Antriebe oder es sind Unfälle oder Zufallsereignisse, die ihrerseits auf unkörperlichen Ursachen beruhen: Etwa Unaufmerksamkeit durch Ablenkung oder die falsche Einschätzung von Fähigkeiten oder Möglichkeiten.

Wir wissen bereits, dass das gesamte Universum auf eine nicht körperliche Urkraft zurückgeht. Wir haben erfahren, dass Kräfte, Naturgesetze und Zufälle zwar immer in Verbindung mit »Dingen« auftreten, dass sie aber niemals Folgeerscheinungen der Dinge sind, sondern ihre Verursacher. So »verkörpern« sich die chemischen Bindungskräfte in den Molekülen, die sie zusammenhalten; die Schwerkraft ballt die Materie zu großen Körpern zusammen; und die »treue Zweisamkeit« von Erde und Mond wird durch die Wechselwirkung von Schwerkraft und Fliehkraft bestimmt.

Vermutlich werden die meisten Menschen diese Gedankengänge nachvollziehen können und zustimmen. Seltsamerweise ist das sehr häufig nicht mehr der Fall, wenn es um unser Bewusstsein geht. Da herrscht hartnäckig die Vorstellung, dass es eine Folgeerscheinung des Gehirns sei. Doch auch hier gilt wieder die leichtfertige Verwechslung von Ursache und Wirkung!

Der entscheidende Gedankenschritt gelingt am ehesten, wenn wir versuchen, uns selbst aus einem fremden Blickwinkel zu sehen; am besten sozusagen »von oben«:

Alle Kräfte gehen auf die Urkraft zurück, sind über das Kraftfeld des Urgrundes grenzenlos fließend und unvorhersehbar miteinander verbunden. Dennoch führt unsere »materielle Wahrnehmung« dazu, dass wir sie für verschiedene Kräfte halten – je nachdem, in welchem körperlichen Zusammenhang sie auftreten. Die Erkenntnisse aus Physik, Chemie, Biologie und Systemwissenschaften sagen jedoch etwas ganz anderes; sie zeugen von der unteilbaren Ganzheit der »ursächlichen Wirklichkeit«.

Quantendarstellung
In der Quantenwelt, der alles Körperliche zugrunde liegt, ist nichts mehr körperlich (Quelle: Robert Couse-Baker, flickr)

Diese unkörperliche »Welt der Ursachen« hat dazu geführt, dass alles entstand; sie hat sich in den Dingen des Universums verkörpert; zielstrebig auf eine immer höhere Ordnung zu. Insofern ist das, was wir Bewusstsein oder Geist nennen, eine Erscheinungsform der Urkraft – in Form hochwirksam vernetzter Quantenzustände –, die sich in unseren Gehirnen verwirklicht.

Natürlich ist es in Wahrheit kompliziert miteinander verwoben: Jede materielle Wirkung einer Ursache enthält wieder die Fähigkeit, seinerseits zu einer Ursache für eine neue Wirkung zu werden. So haben alle Dinge quasi ein zweiseitiges Dasein:

  • Sie sind auf der einen Seite die Wirkung einer »höheren« Ursache, die im Fluss der Zeit bis auf die Urkraft zurückgeht.

  • Auf der anderen Seite sind sie jedoch die Ursache für Folgeerscheinungen, die unseren gegenwärtigen Raum ausmachen.

Auf das Paar Geist und Gehirn bezogen:

  • Gehirne sind ein Ergebnis der »Evolution der absoluten Urkraft«, die sich im Laufe der Zeit bis heute selbst verwirklicht hat. Auch wenn die Urkraft selbst unwandelbar ist, so erscheint sie uns in ihren konkreten Verwirklichungen in unterschiedlicher Weise. Daher sprechen wir zur begrifflichen Unterscheidung im Zusammenhang mit dem menschlichen Gehirn ab jetzt von der »Geisteskraft«. Gemeint ist damit die konkrete Wirkung der Urkraft in allen Gehirnen als universale Erscheinung der Menschheit – und vermutlich auch der Erde und des gesamten Universums. Unser Bewusstsein ist demnach eine Folge der Geisteskraft, die durch die Gehirne millionenfach verwirklicht wird.

  • Das relative Zusammenspiel der elektromagnetischen Kräfte unseres Nervensystems ist natürlich abhängig vom ganz konkreten Aufbau der jeweiligen Körperzellen eines Menschen: Auf dieser Grundlage kann sich die Geisteskraft verwirklichen. Hier zeigt sich unser Ich oder das, was wir Bewusstsein nennen. Es ist gewissermaßen fest mit unserem Gehirn »verdrahtet«

»Just one Point«
Wo und wie entsteht das, was wir »Geist« nennen? (Quelle: Hartwig HKD: »You will never understand untill it happens«, flickr)

Nichts spricht dafür, dass dieses Ich in irgendeiner Form weiter existieren könnte, wenn wir sterben. Es gibt weder ein Jenseits, in das es körperlos eingeht, noch eine Wiedergeburt im Sinne einer Übertragung seiner Eigenschaften auf ein anderes Lebewesen. In diesem Sinne ist es tatsächlich »nur« eine Folgeerscheinung des Gehirns und übersteht nur den inneren zellulären Wandel unbeschadet; nicht jedoch den Tod.

Universal und auf die gesamte Menschheit (und natürlich auf alle noch höher organisierten Systeme) zutreffend ist hingegen die eigentliche »Geisteskraft«.

Diese Kraft wird so lange menschliches Bewusstsein hervorbringen, wie es Menschen auf der Erde gibt. Wenn also ein Mensch stirbt, verschwindet sein persönliches, konkretes und einzigartiges Bewusstsein, nicht jedoch die Geisteskraft, die es ursächlich hervorgebracht hat. Solange es andere Menschen (oder vergleichbar hoch organisierte Wesen auf der Erde oder wer weiß wo im Universum) gibt, wird sich die Geisteskraft verwirklichen.

Die Geisteskraft ist also die eigentliche Ursache von Wahrnehmung und Bewusstsein, die sich durch das Vorhandensein eines Gehirns für die Dauer eines Menschenlebens verwirklichen. Sie befähigt uns, die Welt wahrzunehmen; während das Ich – abhängig von unseren Erbanlagen, von Erziehung, Stoffwechsel und sozialem Umfeld – die Wesenszüge unserer Persönlichkeit bestimmt. Die Geisteskraft nimmt wahr, das Ich bewertet und entscheidet.

Im Grunde ermöglicht die Geisteskraft uns den Zugriff auf sämtliche Informationen des Universums. In ihr wurzeln die Phänomene der Eingebung, der Phantasie, der Gedankenfreiheit und der Religiosität. Dies alles sind Dinge, deren Entstehung sich mit der biologischen Evolution nicht erklären lassen. Sprache und Gedankenwelt boten unseren Vorfahren entscheidende Überlebensvorteile, doch Phantasie und Freiheit lassen sich damit nicht erklären. Ihre Existenz bestätigt einmal mehr die Aussage »dass dass Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile«. Wir sehen hier den »Mehrwert«, den die Geisteskraft unabhängig von den verkörperten Möglichkeiten hervorruft.

Dies wiederum führt zur Schlussfolgerung, dass unser Ich immer auch Teil der »Summe aller menschlichen Bewusstseins« ist. Nach unserem Tod erlischt weder die Geisteskraft, noch die damit verbundene Fähigkeit, Bewusstsein zu erzeugen. Wir haben diese Fähigkeit gewissermaßen nur geliehen; wir erzeugen sie nicht! Insofern leben wir auch nach unserem Tod wieder ein neues Leben – völlig unabhängig vom vorherigen Leben, ohne »Seelenwanderung« in einen anderen Körper, als anderes Bewusstsein, aber nach wie vor Teil der gleichen Geisteskraft.

Um die Schlussfolgerung richtig zu verstehen, im folgenden nochmals drei Vergleiche – allerdings mit der dringenden Warnung, dabei nicht zu mathematisch-materiell zu denken, denn selbstredend »hinkt« jeder Vergleich irgendwo!

 Orchester in Owensboro, Kentucky
Musik ist wie Geist: Instrumente bringen sie zum erklingen, doch sie erzeugen sie nicht (Quelle: AFreeman, goodfreephotos)

Der Geist ist wie die Musik, die mit den Instrumenten – die wir Gehirn nennen – zum Klingen gebracht wird. Jedes Instrument hat seinen eigenen unverwechselbaren Klang, doch die Musik hängt nicht allein an ihm. Musik ist eben nicht nur eine Begleiterscheinung von Instrumenten; sondern Ausdruck von Ideen, Kräften und Gesetzmäßigkeiten – oder auch absichtlich gesetzten Dissonanzen –, die unabhängig von den Instrumenten existieren. Alle bewussten Wesen des Universums zusammen bilden das »Orchester der Geisteskraft«. Obwohl Wesen sterben, existieren immer andere, die die »Musik« weiterführen. Natürlich existieren auf den »Ebenen darunter« auch weiterhin alle anderen Erscheinungsweisen der Urkraft – die chemischen und physikalischen Bindungskräfte, die Schwerkraft usw. Doch so wie eine tote Muskelzelle immer nur durch andere Muskelzellen ersetzt wird, solange das Lebewesen lebt; wird auch der verstorbene Mensch in Bezug auf die Geisteskraft immer nur durch einen anderen Menschen ersetzt – und nicht durch Schildkröten, Mammutbäume oder Meteoriten. Wir sollten nicht vergessen, dass wir Teil der Weltgemeinschaft sind und dass die Geisteskraft nicht teilbar ist. Erst wenn alle Wesen im Universum mit einem menschenähnlichen Bewusstsein sterben würden, hätte die »Musik des Geistes« keine »Instrumente« mehr, auf denen sie spielen könnte. Vermutlich würden aufgrund des Dranges zur höherer Organisation irgendwann wieder neue bewusste Wesen entstehen, so dass die Geisteskraft wieder aktiv werden könnte. Ein interessanter Hinweis ist übrigens die Tatsache, dass sich alle Körperzellen außer den Nervenzellen mehrmals im Leben erneuern. Die Nervenzellen »erneuern« sich in diesem Sinne erst durch den Tod.

Auch das folgende Beispiel ist recht hilfreich, damit der »Groschen leichter fällt«: Das Internet besteht aus Millionen von Computern. Wenn ich etwa meinen PC durch einen neuen ersetze, dann beende ich damit auf der einen Seite natürlich die Existenz meines alten PC´s. Aber auf der anderen Seite kann ich an der gleichen Schnittstelle wieder einen neuen PC anbringen, der mich wieder mit dem Internet verbindet – oder zwei, drei, zehn, hundert PC´s – ganz egal. Das Internet wurde in mehr oder weniger deutlicher Weise von meinem alten PC (von mir) verändert, aber »sein Wesen« bleibt davon unberührt. So lange es mindestens einen Computer gibt, der die Gesamtheit des Internets enthält, existiert es weiter.

Metamorphose Monarch-Falter
Der Tod: Eine »Metamorphose« in ein neues Leben statt losgelöster Seele oder absolutes Ende (Quelle: Sid Mosdell, flickr)

Um sich von der Vorstellung eines nur einmaligen Ich-Erlebens leichter zu lösen, ist ein Vergleich mit Bakterien hilfreich, die sich per Zellteilung vermehren. Es ist sicherlich nur eine von mehreren Möglichkeiten der Evolution gewesen, dass Säugetiere wie wir Menschen uns geschlechtlich fortpflanzen. Was würde mit dem Ich-Erleben eines Menschen geschehen, wenn wir uns wie die Bakterien per Zellteilung vermehren würden Höchstwahrscheinlich entstünden dabei zwei »neue« getrennte Ich-Erlebende; ganz ohne Tod und Geburt. Jede Teilung wäre gleichzeitig die Geburt zweier neuer Menschen und der Tod eines alten. Jeder Mensch wäre bei dieser Fortpflanzungsart einzigartig und zeitlich begrenzt, aber dennoch in gewisser Weise unsterblich.

Wer das ganzheitliche Prinzip des Geistes erst einmal durchschaut hat, wird auch die folgenden Aussagen verstehen:

  • Der menschliche Geist ist sowohl körpergebunden, als auch körperlos. (Der uralte Philosophenstreit um den Monismus oder Dualismus des Geistes ist damit gelöst).

  • Wir müssen sterben, aber wir müssen auch immer wieder leben – solange noch mindestens ein Mensch auf der Erde existiert. (Falls es keinen Menschen mehr gäbe, ist es möglich, dass wir die Welt danach auf der nächst niedrigeren Stufe des irdischen Lebens weiter erleben – oder aber auf einem anderen Planeten durch die Gehirne anderer »Ich-Wesen«).

  • Wir können uns nicht der Verantwortung unseres Handelns entziehen, denn was wir heute anrichten, werden wir in irgendeinem späteren Leben »ausbaden« müssen – weil wir weiterhin ein Teil der Menschheit bleiben.

Auf diese Weise ist unser Los unentrinnbar mit dem Los der gesamten Menschheit verbunden. Wir entscheiden heute, ob wir uns morgen dem Himmel oder der Hölle näherbringen. Wir sollten begreifen, dass Himmel und Hölle konkrete Orte auf der Erde sind!


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